Abschnitt 2
Wie gesellschaftliche Geschlechternormen die Berufswahl und das berufliche Selbstvertrauen beeinflussen
Gesellschaftliche Geschlechternormen spielen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der beruflichen Ziele und des beruflichen Selbstbewusstseins von Menschen. Schon von klein auf bestimmen gesellschaftliche Erwartungen oft, welche Rollen für Männer und Frauen als „angemessen” gelten. Beispielsweise werden Frauen aufgrund langjähriger Stereotypen in einem geschlechtergetrennten Arbeitsmarkt oft davon abgehalten, eine Karriere in MINT-Fächern anzustreben (Galos & Coppock, 2023).
Diese Stereotypen und gesellschaftlichen Erwartungen haben einen erheblichen Einfluss auf die Selbsteinschätzung der Fähigkeiten und Karrierewünsche, insbesondere bei Frauen in MINT-Berufen. Untersuchungen zeigen, dass Frauen in Situationen, die Stereotypen auslösen (z. B. wenn sie eine der wenigen Frauen in einem Mathematikkurs sind), mit mehr negativen und weniger positiven Emotionen sowie einem erhöhten Gefühl der Bedrohung rechnen. Diese emotionale Reaktion steht in Zusammenhang mit geringeren Karrierewünschen in MINT-Berufen (Schuster & Martiny, 2017).
Selbstlimitierende Überzeugungen, die durch verinnerlichte Geschlechternormen geprägt sind, können dazu führen, dass Menschen ihre Fähigkeiten unterschätzen, Herausforderungen vermeiden und weniger ambitionierte Karrierewege wählen. In männerdominierten Branchen fühlen sich Frauen möglicherweise gezwungen, einen eher maskulinen Führungsstil anzunehmen, was im Widerspruch zu ihrem authentischen Selbst stehen und ihre Karriereentwicklung behindern kann. Studien haben gezeigt, dass Frauen in solchen Umgebungen häufig mit geschlechtsspezifischen Vorurteilen und einem Mangel an weiblichen Vorbildern in Führungspositionen konfrontiert sind, was zu Gefühlen der Unzulänglichkeit führen kann (Linehan & Scullion, 2008).
Um Schüler*innen dabei zu helfen, über ihre Berufswahl nachzudenken und zu verstehen, wie gesellschaftliche Geschlechternormen sie beeinflussen können, bietet die Zusammenarbeit zwischen Berater*innen und Schüler*innen unter Verwendung der Co-Creation Karten wertvolle Einblicke. Diese Karten wurden entwickelt, um reflektierende Diskussionen während der Beratungsgespräche zu erleichtern, und helfen Berufsberater*innen dabei, Schüler*innen dabei zu unterstützen, zu erkunden, wie sich Geschlechterperspektiven auf verschiedene Aspekte der Berufswahl auswirken. Dieser Ansatz ermöglicht es den Ratsuchenden, die Herausforderungen und Chancen zu erkennen, denen sie in ihrem Berufsleben begegnen können. Durch die Auseinandersetzung mit diesen Inhalten können sie verinnerlichte Vorurteile erkennen und Strategien zu deren Überwindung entwickeln, was letztendlich zu einem authentischeren und erfüllteren Berufsleben führt (Tolstrup, 2021).
Die Suche nach Mentor*innen und der Aufbau von Unterstützungsnetzwerken sind ebenfalls wichtige Strategien. Frauen in männerdominierten Branchen haben festgestellt, dass Mentorenprogramme eine größere Inklusion fördern (Woehler, Cullen-Lester, Porter & Frear, 2021).
Praktische Übung
Sehen wir uns nun an, wie diese Konzepte mithilfe des Co-Creation-Beratungsmodells und der Co-Creation-Dialogkarten in der Praxis angewendet werden können. (Das Co-Creation-Modell und die Dialogkarten finden Sie hier, das Handbuch hier).
Das Co-Creation-Beratungsmodell bietet einen Rahmen, der Menschen dabei hilft, den Einfluss gesellschaftlicher Geschlechternormen auf ihre Berufswahl zu erkennen und anzugehen. Dieser Ansatz befähigt Menschen, selbstlimitierende Überzeugungen in Frage zu stellen, Selbstvertrauen aufzubauen und Ideen davon, was beruflich möglich ist, auszuweiten. Um dieses Bewusstsein zu entwickeln, können Berufsberaterinnen und Berufsberater einzeln oder in Gruppen mit den Co-Creation-Dialogkarten arbeiten, um Einblicke in ihre eigenen Perspektiven zu gewinnen. Diese Selbstreflexion ist ein entscheidender erster Schritt, um andere bei ihren von Geschlechternormen beeinflussten Berufsentscheidungen zu unterstützen.
Das im folgenden Abschnitt vorgestellte Selbstreflexionsinstrument kann in diesem Zusammenhang ebenfalls eine wertvolle Ressource sein.
- Mit dem Co-Creation-Model arbeiten
Als Berufsberater*in könnten Sie folgende Fragen stellen:
- Welche Ausbildung und welchen Beruf haben Ihre Eltern, Geschwister oder Großeltern gewählt? Wie hat Sie das beeinflusst?
- Welche Nebenjobs hatten Sie? Wie sind Sie daran gekommen und wie haben diese Ihre Gedanken zur Berufswahl geprägt?
- Haben Sie jemals in einem Bereich gearbeitet oder darüber nachgedacht, in einem Bereich zu arbeiten, der traditionell mit dem anderen Geschlecht assoziiert wird?
Um den Reflexionprozess in diesen Bereich in Gang zu bringen, eignen sich die folgenden Karten:
Karte 1: Inspiration
Karte 5: Zugehörigkeit
Karte 6: Persönliche Werte
Karte 8: Berufsbezogene Vorurteile
Legen Sie diese vier Karten nebeneinander und bitten Sie die Person, eine davon zur Reflexion auszuwählen. Als Berufsberater*in können Sie dann Folgefragen stellen, um das Gespräch zu vertiefen, wobei Sie die oben genannten Fragen einbeziehen können.
Im Feld „Was möchte ich?“ können Sie der Person, die Sie beraten, dabei helfen, ihre Ziele zu erkunden und gleichzeitig zu untersuchen, inwiefern Geschlechtervorstellungen diese Ziele unterstützen oder behindern können.
Ermutigen Sie die Person dazu, darüber nachzudenken, inwiefern ihre Berufswahl mit ihrem authentischen Selbst übereinstimmt. Welche Werte sollten ihr Leben prägen? Dies ist eine Gelegenheit, selbstlimitierende Überzeugungen in Frage zu stellen und das Gefühl für Möglichkeiten zu erweitern.
Bauen Sie im Feld „Was kann ich tun?“ auf den Diskussionen aus dem Feld „Was möchte ich?“ auf und konzentrieren Sie sich dabei auf Faktoren, die die Berufswahl unterstützen oder einschränken.
Der Schwerpunkt liegt hier auf der Stärkung der Selbstwirksamkeit der beratenen Person, insbesondere im Hinblick auf das Loslösen von konventionellen Karrierewegen und die Überwindung selbstlimitierender Überzeugungen.
- Wie würdest du dic/würden Sie sich fühlen, wenn es nur wenige Menschen gibt die auch männlich/weiblich sind?
- Was denken Sie/denkst du, wie es wäre in so einer Arbeitsumgebung zu arbeiten?
Die folgenden Co-Creation-Dialogkarten sind in diesem Bereich besonders nützlich:
Karte 2 – Motivation
Karte 3 – Herausforderungen
Karte 4 – Sozialverhalten
Karte 7 – Selbstwahrnehmung
Im Feld „Ist das Ziel realistisch?“ überprüfen und bewerten Sie die bisherigen Gespräche.
Hier unterstützen Sie die Person dabei, sich mit Geschlechterstereotypen auseinanderzusetzen. Als Berufsberater*in könnten Sie fragen:
„Auf einer Skala von 1 bis 10, wie zuversichtlich sind Sie, dass Sie Ihr Ziel erreichen werden?“
Auf einer Skala von 1 bis 10, wie würden Sie Ihre Ressourcen und Kompetenzen bewerten, um dies zu erreichen?
Wenn die betreute Person ihre Antworten nicht relativ hoch bewertet, kehren Sie zu den Feldern „Was möchte ich?“ und „Was kann ich tun?“ zurück, um die Motivation und Bereitschaft weiter zu untersuchen.
Im Feld „Aktionsplan“ entwickeln Sie gemeinsam mit der von Ihnen betreuten Person einen Plan, der den von ihr gewählten Karriereweg unterstützt. Dieser Prozess kann die Identifizierung potenzieller Hindernisse und die Festlegung der notwendigen Schritte zu deren Überwindung umfassen.
Tools und Materialien
Anleitung zur Selbstbewertung für Berufsberater*innen
Bewertung der Kompetenz in geschlechterbewusster Berufsberatung
Dieser Leitfaden zur Selbstbewertung basiert auf dem Buch „Co-creating Guidance” (Tolstrup, 2022). Er kann von Berufsberater*innen individuell oder gemeinsam mit Kolleg*innen verwendet werden.
- Zweck
Reflexion über die Praxis anregen und die Qualität geschlechtergerechter Beratung verbessern.
- Fragen zur Selbstreflexion
Lesen Sie die folgenden Fragen und beantworten Sie sie so ehrlich wie möglich. Überlegen Sie, wie Ihre Familie, Ihre Schule, die Medien und die Gesellschaft insgesamt Ihre Entscheidungen beeinflusst haben könnten.
- Reflexion über Berufswahl und Geschlecht fördern
- Inwieweit sind Sie sich bewusst, wie Sie Gelegenheiten zur Reflexion über Berufswahl und Geschlecht schaffen?
- Wie integrieren Sie dies aktiv in Ihre Beratung?
- Wichtige Überlegungen für eine effektive geschlechterbewusste Beratung
- Sind Sie sich Ihrer eigenen Vorstellungen von Geschlecht und Beruf bewusst?
- Vermeiden Sie es bewusst, Ihre eigenen Perspektiven aufzudrängen, um sicherzustellen, dass diese die Person, die Sie beraten, nicht einschränken?
- Sind Sie einfühlsam gegenüber der Person, die Sie beraten, sowie deren Hintergrund und Erfahrungen?
- Praktizieren Sie aktives Zuhören und Neugier?
- Vermeiden Sie es, die von Ihnen betreute Person anhand von Geschlechternormen zu definieren?
- Fördern Sie ein Umfeld des Vertrauens und des echten Interesses?
- Sensibilisierung für Geschlechterwahrnehmungen
- Hat Ihre Beratung der Person geholfen, ihre eigenen Geschlechterwahrnehmungen und deren Auswirkungen auf die Berufswahl zu erkennen?
- Wurden Geschlechternormen und deren Einfluss auf Berufsentscheidungen ausdrücklich thematisiert?
- Hatte die betreute Person die Möglichkeit, über ihre eigenen Wahrnehmungen nachzudenken?
- War die Beratung von Offenheit und Inklusivität geprägt?
- Förderung der Verantwortung für die Berufswahl:
- Inwieweit haben Sie die Person dazu ermutigt, Verantwortung für ihre Zukunft zu übernehmen?
- Hat Ihre Beratung ihr geholfen, ungewollte geschlechtsspezifische berufliche Einschränkungen in Frage zu stellen?
- Haben Sie ihr Vertrauen in ihre Fähigkeit gestärkt, eine Ausbildung oder Karriere anzustreben, die typischerweise mit dem anderen Geschlecht assoziiert wird?
Dieser Leitfaden soll Ihnen dabei helfen, Ihre geschlechterbewusste Berufsberatung kontinuierlich zu verbessern und sicherzustellen, dass Ihre Berufsberatungsgespräche sinnvoll und inklusiv sind.
Good Practice
Thomas ist Berufsberater. Durch seine Mitarbeit in diesem Projekt wurde ihm bewusst, wie seine impliziten Geschlechtervorstellungen seine Beratung beeinflussen.
Beispielsweise schlägt er Jungen niemals Berufe im Pflegebereich und Mädchen niemals typische Männerberufe vor.
Um dieses Problem anzugehen, lud er drei Kolleg*innen zu einer einstündigen Reflexionssitzung ein, in der sie acht Reflexionskarten durcharbeiteten und einen Leitfaden zur Selbstbewertung verwendeten.
Anschließend führte Thomas eine Gruppenberatungssitzung mit fünf Schüler*innen der 10. Klasse durch.
Er legte einen großen A3-Ausdruck des Co-Creation-Modells in die Mitte des Tisches, an dem die Schüler*innen saßen.
Sie arbeiteten sich wie oben beschrieben nacheinander durch jeden Abschnitt, beginnend mit „Meine Lebensgeschichte”. Thomas erklärte, dass sie die Faktoren diskutieren würden, die die Berufswahl beeinflussen.
Ein Schüler stand auf einem Feld, zog eine Karte, die zu diesem Feld gehörte, und dachte über die Frage nach. Thomas ermutigte alle, ihre Gedanken mitzuteilen und über die Antworten der anderen nachzudenken.
Dann zog eine anderer Schülerin eine Karte und der Vorgang wurde fortgesetzt.
Nach der Arbeit mit den Karten bewerteten die Schüler*innen den Prozess. Sie sagten, dass sie ihn sehr interessant fanden und dass sie Themen diskutiert hatten, über die sie zuvor noch nie nachgedacht hatten.
Thomas, der Berater, war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Die Schüler*innen beteiligten sich mit Begeisterung und das Niveau der Reflexion war hoch.
Referenzen und Quellen
- Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W.H. Freeman.
- Galos, D., & Coppock, A. (2023). Gender composition predicts gender bias: A meta-reanalysis of hiring discrimination audit experiments. Science Advances, 9(18), eade7979. https://doi.org/10.1126/sciadv.ade7979
- Linehan, M., & Scullion, H. (2008). The development of female global managers: The role of mentoring and networking. Journal of Business Ethics, 83, 29–40. https://doi.org/10.1007/s10551-007-9657-0
- Schuster, C., & Martiny, S. (2017). Not feeling good in STEM: Effects of stereotype activation and anticipated affect on women’s career aspirations. Sex Roles, 76, 40–55. https://doi.org/10.1007/s11199-016-0665-3
- Tolstrup, L. (2022). Samskabende vejledning. Dansk Psykologisk Forlag.
- Woehler, M., Cullen‐Lester, K. L., Porter, C. M., & Frear, K. A. (2021). Whether, how, and why networks influence men’s and women’s career success: Review and research agenda. Journal of Management, 47, 207–236. https://doi.org/10.1177/0149206320960529
Quiz
Die Relevanz von Gender in der Berufsberatung verstehen
Inwiefern beeinflussen gesellschaftliche Geschlechternormen die Berufswahl?
- Sie ermutigen sowohl Männer als auch Frauen, denselben Beruf zu ergreifen.
- Sie schaffen Stereotypen, die bestimmte Berufe auf bestimmte Geschlechter beschränken.
- Sie haben keinen Einfluss auf die Berufswahl.
Was ist eine häufig beobachtete Emotion von Frauen in MINT-Berufen aufgrund von Geschlechterstereotypen?
- Erhöhte Motivation und Selbstvertrauen.
- Ein gesteigertes Gefühl der Bedrohung und weniger positive Emotionen.
- Volle Akzeptanz ihrer Berufswahl.
Welches der folgenden Beispiele ist ein Beispiel für eine selbstlimitierende Überzeugung, die durch Geschlechternormen verursacht wird?
- Überlegungen dazu, wie Geschlechterperspektiven die Berufswahl beeinflussen.
- Schüler*innen dazu ermutigen, traditionelle Karrierewege strikt zu befolgen.
- Die Berufswahl der Schüler*innen aufgrund gesellschaftlicher Normen einschränken.
Was ist ein wesentlicher Vorteil der Verwendung der Co-Creation-Dialogkarten in der Berufsberatung?
- Vermeidung von Diskussionen über Geschlechterwahrnehmungen während der Beratung.
- Sensibilisierung für die eigenen bewussten und unbewussten Geschlechterwahrnehmungen.
- Konzentration ausschließlich auf traditionelle Karrierewege für Schüler*innen.
Richtige Antworten: B, B, A. B