Toolkit Gendersensible Berufsberatung Anhang Deutschland

Überblick Deutschland

Deutschland verfügt über ein gut etabliertes System der Berufs- und Bildungsberatung, das von mehreren wichtigen Akteur*innen unterstützt wird, darunter die Bundesagentur für Arbeit, Schulen, Hochschulen und zahlreiche regionale und lokale Beratungsdienste. Die Gleichstellung der Geschlechter ist seit langem ein fester Bestandteil der Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik. Obwohl die Erwerbsbeteiligung von Frauen weiter steigt (2023: 77,2 % für Frauen gegenüber 85 % für Männer), bestehen nach wie vor erhebliche Unterschiede bei der Berufswahl (z. B. geschlechtsspezifische Clusterbildung in MINT-Berufen gegenüber sozialen Berufen), beim Zugang zu Führungspositionen und beim Einkommen (geschlechtsspezifisches Lohngefälle 2024: 16 %). Deutschland begegnet diesen Herausforderungen mit einer Reihe von Maßnahmen, wie z. B. gesetzlichen Vorgaben für eine ausgewogene Besetzung der Aufsichtsräte großer Unternehmen und dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das Diskriminierung aufgrund des Geschlechts verbietet. Bertelsmann Stiftung

Arbeitsmarktdaten (aktuellste Zahlen)

Politische Strategien und Gesetzgebung

  • Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbietet geschlechtsspezifische Diskriminierung im Arbeitsleben.
  • Bundes- und Landesgleichstellungsgesetze verpflichten die öffentliche Verwaltung zur aktiven Förderung der Chancengleichheit, z. B. durch Gleichstellungspläne oder geschlechtsneutrale Stellenanzeigen.
  • Gesetzliche Geschlechterquoten für Vorstände großer Unternehmen (seit 2016). DIW
  • Nationale Initiativen wie die Kampagne „Mädchen- und Jungentage” fördern eine geschlechtsneutrale Berufsorientierung und sensibilisieren alle beteiligten Akteure. Bundesagentur für Arbeit

In Deutschland gewinnt das Bewusstsein für Geschlechterrollen und deren Einfluss auf die Berufswahl zunehmend an Bedeutung. Berufsberater*innen, Lehrkräfte und Fachkräfte in Arbeitsagenturen werden durch gezielte Schulungsprogramme, wie beispielsweise die von der Bundesagentur für Arbeit angebotenen Qualifizierungen zur Genderkompetenz, zunehmend in die Lage versetzt, geschlechtersensible Beratung anzubieten. Ziel ist es, stereotype Berufswahlmuster in Frage zu stellen und junge Menschen und Erwachsene in die Lage zu versetzen, ihre Entscheidungen eher nach ihren individuellen Interessen als nach traditionellen Geschlechterrollen zu treffen. Initiativen wie die Kampagne „Klischeefrei” bieten praktische Materialien und Networking-Möglichkeiten, um eine nachhaltige geschlechtergerechte Beratung zu fördern. Darüber hinaus bieten regionale Projekte und bundesweite Programme umfassende Informationen für Pädagog*innen, Berater*innen und Multiplikator*innen, wobei der Schwerpunkt auf einer geschlechtersensiblen Berufsorientierung liegt. Hans-Bockler-Stiftung

Dennoch zeigen Studien, dass Geschlechterrollen und gesellschaftliche Erwartungen nach wie vor einen starken Einfluss ausüben. Stereotype Vorstellungen – beispielsweise, dass Frauen eher Pflegeberufe wählen und Männer technische oder handwerkliche Berufe bevorzugen – prägen die Berufswahl entscheidend. Junge Menschen stehen oft unter dem sozialen Druck, diesen Rollenerwartungen zu entsprechen, was ihre Wahlfreiheit einschränkt. Auch Bedenken hinsichtlich Nachteilen in Partnerschaften oder beim Dating aufgrund nicht-traditioneller Berufswahl sind dokumentiert. Darüber hinaus gibt es erhebliche Unterschiede beim Zugang zu geschlechtersensibler Beratung, da die Qualifikationen der Fachkräfte noch nicht einheitlich vorgeschrieben sind. Auch bei der Gestaltung und Verfügbarkeit von Beratungsangeboten bestehen regionale Unterschiede. Konferenz der Ministerinnen und Minister für Gleichstellung der deutschen Bundesländer

Wichtige Instrumente zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter in der Berufsorientierung sind die bundesweite Initiative „Klischeefrei“ sowie die Veranstaltungen Girls’ Day und Boys’ Day. Diese Aktivitäten bieten praktische Einblicke in nicht-traditionelle Berufsfelder und schaffen ein breites Bewusstsein. Regionale Projekte wie das EU-finanzierte DIANA-Projekt unterstützen junge Menschen in Baden-Württemberg aktiv dabei, geschlechtersensible Berufsentscheidungen zu treffen. Die Bundesagentur für Arbeit integriert zunehmend geschlechtsspezifische Aspekte in ihre Beratungs- und Schulungsprogramme. Darüber hinaus werden Schulungen zur Geschlechterkompetenz für Beraterinnen und Berater zum Standard und fördern so die Verankerung geschlechtersensibler Beratung als Routinepraxis. Konferenz der Ministerinnen für Gleichstellung der deutschen Bundesländer

Aus Interviews und Gesprächen mit Berufsberater*innen, Ausbilder*innen und Personalverantwortlichen ging hervor, dass das Bewusstsein für Geschlechtersensibilität in der Berufsberatung in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Die Fachleute berichteten, dass bei der Sensibilisierung für geschlechtsspezifische Vorurteile und Stereotypen stetige Fortschritte erzielt wurden. Gleichzeitig wiesen sie auf anhaltende Herausforderungen hin, wie die konsequente Integration geschlechtersensibler Ansätze in die tägliche Praxis und die ungleiche Verfügbarkeit entsprechender Fortbildungsmöglichkeiten. Viele bestätigten, dass eine geschlechtersensible Beratung eine wichtige Rolle dabei spielt, jungen Menschen und Erwachsenen mit unterschiedlichem Bildungs- und Sozialhintergrund dabei zu helfen, traditionelle Karrierenormen zu hinterfragen und neue Möglichkeiten zu erkunden.

Wie oben erwähnt, sind die führenden landesweiten Initiativen der Girls’ Day, der Boys’ Day und die Initiative Klischeefrei – sie bilden den Grundstein für die Bemühungen zur Bekämpfung von Geschlechterstereotypen bei der Berufswahl in Deutschland.

  • Die Initiative Klischeefrei bietet Tools, Workshops und Networking für Pädagoginnen und Pädagogen, Berufsberaterinnen und Berufsberater sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, um stereotypfreie Berufs- und Studienwahl zu fördern. Mit Unterstützung mehrerer Ministerien, der Bundesagentur für Arbeit, Gewerkschaften und Unternehmen arbeitet sie daran, den beruflichen Horizont junger Menschen über traditionelle Geschlechterrollen hinaus zu erweitern.
  • Der jährliche Girls’ Day und Boys’ Day bieten praktische Einblicke in Berufe, in denen ein Geschlecht unterrepräsentiert ist. Diese Tage ziehen landesweit Hunderttausende von Schülern an und gelten als Europas größte Veranstaltungen zur stereotypfreien Berufsorientierung. Sie dienen auch als wichtige Plattformen für Unternehmen, um mit zukünftigen Talenten in Kontakt zu treten und den Teilnehmer*innen inspirierende Vorbilder zu bieten.

Deutschland hat erhebliche Fortschritte bei der Verankerung der Geschlechtersensibilität in der Berufsberatung erzielt. Das Bewusstsein unter Berufsberater*innen wächst, unterstützt durch starke landesweite Initiativen wie den Girls’ Day, den Boys’ Day und die Initiative Klischeefrei, die gemeinsam traditionelle Geschlechterstereotypen bei der Berufswahl in Frage stellen. Herausforderungen bestehen jedoch weiterhin bei der Gewährleistung einer einheitlichen Anwendung gendersensibler Praktiken in allen Regionen und Institutionen sowie bei der Bereitstellung eines gleichberechtigten Zugangs zu Schulungen zur Geschlechterkompetenz. Soziale Normen und geschlechtsspezifische Rollenvorstellungen beeinflussen nach wie vor maßgeblich die Berufswahl, insbesondere bei Jugendlichen mit unterschiedlichem Bildungs- und Sozialhintergrund.

Empfehlungen für die Integration des Toolkits

Das GUIDE-Toolkit bietet eine wertvolle Ergänzung zu den bestehenden Ansätzen in Deutschland, indem es strukturierte und praktische Ressourcen zur Verfügung stellt, die eine stereotypfreie Berufsberatung unterstützen. Die Integration in die laufende berufliche Weiterbildung von Berufsberater*innen, Pädagog*innen und Ausbilder*innen wird empfohlen. Das Toolkit sollte sprachlich und kulturell angepasst werden, um den deutschen Kontext und die aus etablierten Initiativen wie Klischeefrei bekannte Terminologie widerzuspiegeln. Besonderes Augenmerk sollte auf die Einbeziehung benachteiligter Regionen und die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Behörden, Schulen und Arbeitgeber*innen gelegt werden. Pilotimplementierungen und Feedbackschleifen werden dazu beitragen, das Toolkit an die lokalen Bedürfnisse anzupassen und eine breite Akzeptanz und nachhaltige Nutzung zu fördern.

Wie dieser Anhang das GUIDE-Toolkit ergänzt

Dieser Anhang kontextualisiert das Toolkit im deutschen Umfeld, indem er aktuelle Strategien, Herausforderungen und bewährte Verfahren detailliert beschreibt. Durch die Einbeziehung der Perspektiven von Interessengruppen und die Hervorhebung von Leitinitiativen erhöht er die Relevanz und Anwendbarkeit des Toolkits. Zusammen befähigen sie Fachleute in Deutschland, berufliche Laufbahnen auf der Grundlage von Interessen und Fähigkeiten und nicht nach Geschlecht einzuschlagen.