Toolkit Gendersensible Berufsberatung Portugal

Überblick Portugal

Portugal verfügt über einen gut etablierten rechtlichen und institutionellen Rahmen für die Gleichstellung der Geschlechter. Die Verfassung der Portugiesischen Republik verankert die Gleichstellung der Geschlechter als Grundrecht, während das Gesetz Nr. 62/2017 eine ausgewogene Vertretung von Frauen und Männern in Entscheidungsgremien vorschreibt.

Zu den wichtigsten nationalen Einrichtungen, deren Aufgaben sich speziell auf die Gleichstellung der Geschlechter konzentrieren, gehören die CIG (Kommission für Staatsbürgerschaft und Gleichstellung der Geschlechter) und die CITE (Kommission für Gleichstellung in Arbeit und Beschäftigung).

Die CIG (https://www.cig.gov.pt/) ist Portugals nationale Behörde für öffentliche Politik zur Gleichstellung der Geschlechter. Sie untersteht der Regierung und ist derzeit dem Präsidialministerium angegliedert. Der Tätigkeitsbereich der CIG ist breit gefächert und umfasst sektorübergreifende Maßnahmen in Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Justiz, Beschäftigung, geschlechtsspezifische Gewalt sowie bürgerliche und politische Teilhabe. Sie ist für die Umsetzung der Nationalen Strategie für Gleichstellung und Nichtdiskriminierung (ENIND 2018–2030) verantwortlich. Sie spielt eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Sensibilisierungskampagnen, Programmen zur Prävention häuslicher Gewalt und Bildungsprojekten zum Thema Gleichstellung.

Die CITE (https://cite.gov.pt/) spielt eine zentrale Rolle bei der Umsetzung von Gleichstellungsmaßnahmen in den Bereichen Bildung, Beschäftigung und öffentliches Leben. Es hat eine dreigliedrige Struktur, an der Vertreter der Regierung, der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände beteiligt sind. Es fungiert als spezialisiertes Fachgremium, das sich speziell mit der Arbeitswelt und der Beschäftigung befasst. Sein Ziel ist es, die Gleichbehandlung und Chancengleichheit von Frauen und Männern am Arbeitsplatz zu gewährleisten und Diskriminierung (z. B. Lohnunterschiede, Zugang zu Stellen, Entlassungen) zu bekämpfen. Zu seinen Aufgaben gehören die Abgabe von Empfehlungen und technischen Stellungnahmen zur Gleichstellung am Arbeitsplatz und zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

Insgesamt hat CITE eine technische und rechtliche Funktion in Bezug auf das Arbeits- und Beschäftigungsrecht, während CIG eine strategische und gesellschaftliche Rolle in verschiedenen Politikbereichen wahrnimmt.

Zu den weiteren relevanten Einrichtungen gehört die Portugiesische Plattform für Frauenrechte (PpDM) – https://plataformamulheres.org.pt/international/english/ – eine soziale, kulturelle und humanistische Nichtregierungsorganisation, die unabhängig von politischen Parteien, religiösen Institutionen und staatlichen Strukturen ist und deren Mitglieder Nichtregierungsorganisationen für Frauenrechte sind.

Die Portugiesische Plattform für Frauenrechte vertritt Portugal in der Europäischen Frauenlobby (EWL) und der Vereinigung der Frauen aus Südeuropa (AFEM) und ist Mitglied der Euro-Mediterranen Frauenstiftung (FFEM). Die Portugiesische Plattform für Frauenrechte ist außerdem Mitglied der EU-Plattform der Zivilgesellschaft gegen Menschenhandel und hat einen besonderen Beraterinnenstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC).

Zu den wichtigsten politischen Maßnahmen gehören die Nationale Strategie für Gleichstellung und Nichtdiskriminierung 2018–2030 (ENIND) und der Nationale Plan für die Gleichstellung von Frauen und Männern 2022–2026. Diese politischen Maßnahmen enthalten Leitlinien für die Einbeziehung der Geschlechterperspektive in die allgemeine und berufliche Bildung sowie in die Integration in den Arbeitsmarkt.

Wichtige Fakten zum Arbeitsmarkt:

  • Beschäftigungsquote (15–74 Jahre) (2025): Frauen 62,4 %, Männer 68,7 %.
  • Unbereinigtes geschlechtsspezifisches Lohngefälle: ≈8,6 % (Eurostat, 2023).
  • Höhere Konzentration von Frauen in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Pflege; Männer dominieren in den Bereichen MINT, Bauwesen und Ingenieurwesen.
  • Der Anteil Absolventinnenen in MINT-Fächern im Alter zwischen 20 und 29 Jahren lag bei 15,7/1000 Einwohnern, während er bei Männern 27,6/1000 Einwohner betrug (Bildungsministerium, 2020).
  • Die Jugendarbeitslosenquote für die Gruppe der 16- bis 14-Jährigen lag bei 20,9 % (Frauen 22,4 % und Männer 20,9 %) (INE 2024).

Relevante Maßnahen und Strategien

  • Die Nationale Strategie für Gleichstellung und Nichtdiskriminierung 2018–2030 (ENIND) (https://www.incode2030.gov.pt/) legt einen langfristigen Rahmen für die Förderung der Gleichstellung der Geschlechter, die Bekämpfung von Diskriminierung und die Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt fest. Sie wird durch mehrjährige Aktionspläne umgesetzt.
  • Kommunale Gleichstellungspläne sind lokale Planungsinstrumente für öffentliche Gleichstellungsmaßnahmen. Sie definieren Strategien zur Bekämpfung und Beseitigung von geschlechtsspezifischen Ungleichheiten, die durch eine lokale Gender-Diagnose ermittelt wurden, integrieren Maßnahmen zur Gleichstellung der Geschlechter und spezifische Aktionen und legen Ziele, Indikatoren, messbare Vorgaben und Bewertungsmechanismen fest.
  • Kommunale Gleichstellungspläne (PMIs) sind lokale Planungsinstrumente für öffentliche Gleichstellungsmaßnahmen. Sie werden von den Kommunalverwaltungen entwickelt und umgesetzt – häufig in Zusammenarbeit mit lokalen Gleichstellungsbeauftragten, Gemeinschaftsorganisationen und der Kommission für Staatsbürgerschaft und Gleichstellung der Geschlechter (CIG). Diese Pläne enthalten Strategien zur Bekämpfung und Beseitigung von geschlechtsspezifischen Ungleichheiten, integrieren Maßnahmen zur Gleichstellung der Geschlechter und spezifische Aktionen und legen Ziele, Indikatoren, messbare Vorgaben und Bewertungsmechanismen fest.
  • Im Bildungssystem fördern politische Maßnahmen die Gleichstellung der Geschlechter durch koedukative Prinzipien in Schulen und die Integration von Gleichstellungszielen in die berufliche und höhere Bildung. Im Hochschul- und Forschungsbereich gibt es an den meisten Universitäten Gleichstellungsstellen sowie Initiativen (FCT), die Gleichstellungspläne vorschreiben und eine ausgewogene Beteiligung an Forschungsprojekten fördern.

In Portugal wird Berufsberatung in Schulen über die Psychologie- und Beratungsdienste (SPO), an Universitäten und über die öffentliche Arbeitsvermittlung (IEFP – Instituto do Emprego e Formação Profissional) angeboten.

Obwohl das Bildungssystem Grundsätze der Gleichstellung und Inklusion berücksichtigt, ist die Integration der Geschlechtergleichstellung in die Berufsberatung uneinheitlich. Es gibt keine obligatorische gendersensible Schulung für Berater*innen, und die Praktiken variieren zwischen den einzelnen Einrichtungen. Die anhaltende berufliche Segregation beeinflusst weiterhin die Entscheidungen in Bezug auf die berufliche Orientierung: Mädchen sind in Berufsbildungs- und Hochschulprogrammen in MINT-Fächern unterrepräsentiert, während Jungen in den Bereichen Gesundheit/Pflege unterrepräsentiert sind.

  • Begrenzte systematische Schulungen für Berufsberater*innen zum Thema Gleichstellung der Geschlechter.
  • Schwache Überwachung und kaum Indikatoren hinsichtlich der Integration von Gender-Perspektiven.
  • Regionale Unterschiede bei der Umsetzung von Gleichstellungsmaßnahmen.
  • Engenheiras por um Dia (Ingenieurinnen für einen Tag): Nationales Programm der Nationalen Ingenieur*innenvereinigung (OE) zur Förderung von Mädchen in MINT-Berufen mit Mentoring, Workshops und Partnerschaften mit der Industrie.
  • Inspiring Girls Portugal: Bringt weibliche Vorbilder mit Mädchen im schulpflichtigen Alter zusammen.
  • Rede de Mulheres Lίderes na Ciencia (Frauen in Führungspositionen in der Wissenschaft): fördert die Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen und Forscherinnen.
  • IEFP-Programme zur Gleichstellung der Geschlechter: Schulungsmodule und Anreize zur Förderung der Gleichstellung in der beruflichen Bildung.

Interviews mit Bildungsfachleuten, Personalfachleuten und politischen Entscheidungsträger*innen zeigen, dass die Gleichstellung der Geschlechter zwar politisch gewollt ist, ihre Umsetzung in der täglichen Berufsberatungspraxis jedoch uneinheitlich ist.

  • Schulberater*innen fehlen oft praktische Materialien, um Stereotypen bei der Berufswahl abzubauen.
  • Anbieter*innen von Berufsausbildungen bestätigen eine anhaltende geschlechtsspezifische Segregation bei der Ausbildungswahl (z. B. dominieren Jungen die IT-Kurse, während Mädchen in den Bereichen Pflege und Bildung überwiegen).
  • Arbeitgeber*innen und Personalexpert*innen erkennen an, dass Stereotypen nach wie vor die Personalbeschaffung und die Selbstwahrnehmung prägen: Junge Frauen unterschätzen möglicherweise ihre Fähigkeiten für technische Berufe.
  • Engenheiras por um Dia (Ingenieurinnen für einen Tag): Initiative mit hoher Sichtbarkeit und messbarer Wirkung auf die Steigerung des Interesses von Frauen an Ingenieur- und Technikberufen.
  • Inspiring Girls (Mädchen inspirieren): Wirksame Präsentation von Vorbildern aus verschiedenen Bereichen.
  • University equality units (Gleichstellungsstellen an Universitäten): Einbeziehung der Geschlechterperspektive in die Bewertung von Forschungsleistungen und die Personalauswahl.

Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse:

  • Portugal verfügt über einen soliden rechtlichen und politischen Rahmen für die Gleichstellung der Geschlechter.
  • Die anhaltende berufliche Schieflage und der Mangel an systematischen Schulungen für Berufsberater*innen stellen nach wie vor große Hindernisse dar.
  • Es gibt zwar bewährte Verfahren, diese sind jedoch fragmentiert und noch nicht in allen Bildungs- und Beschäftigungssystemen etabliert.

Empfehlungen:

  • Einführung einer obligatorischen Schulung zum Thema Geschlechtersensibilität für alle Berufsberater*innen.
  • Die Überwachungsindikatoren zur Messung der Integration der Geschlechterperspektive in die beruflichen Laufbahnen stärken.
  • Initiativen wie „Ingenieurinnen für einen Tag” und „Mädchen inspirieren” landesweit ausweiten und systematisieren.
  • Stärkere Partnerschaften zwischen Schulen und Industrie fördern, um vielfältige berufliche Laufbahnen für Mädchen und Jungen zu fördern.